Die gesellschaftlich brisanten Vorgänge
von 1989 berührten sich mit
der wissenschaftlichen Entwicklung von Univ. Prof. Paul M. Zulehner. 1984 war
er unter Kardinal Franz König
an die katholisch-theologische Fakultät der Universität Wien berufen
worden. Kardinal
König war als Erzbischof von Wien in jenen Zeiten des ersterbenden
Kommunismus
wie schon zuvor einer der wichtigsten kirchlichen Brückenbauer hin zu
den
Kirchen des Schweigens. Wien – einst Zentrum der Monarchie, welche
viele der
nunmehr kommunistisch regierten Länder umfasste (Westukraine, Südpolen,
Ungarn,
Siebenbürgen, Tschechoslowakei, Slowenien, Kroatien, Serbien) – erwies
sich
nach wie vor als kirchliche und damit aber auch als diskret politische
Drehscheibe. Als Zulehner in Wien angekommen war, hatte er eine weit
reichende
Entscheidung getroffen. Während sich seine KollegInnen in der
deutschsprachigen
Pastoraltheologie in Westeuropa nach der Dritten Welt im Westen und
Süden des
Globus ausrichteten, orientierte ich er sich nach dem Osten, genauer
nach
Ost(Mittel)Europa. An der Fakultät erkor er zusammen mit den
Studierenden pro
Semester für jeweils ein Land aus dem kommunistischen Machtbereich als
Schwerpunktthema des Forschens. Untersucht wurden die
gesellschaftlichen und
kirchlichen Verhältnisse dieses Landes im Wintersemester. Im
folgenden Sommersemester wurde eine Exkursion in das Land selbst
gemacht, um mit Vertretern
der Politik und der Kirchen in ein unmittelbares Gespräch zu kommen.
Gesprächspartner waren Religionsminister und Bischöfe in Jugoslawien.
Eine andere Reisegruppe kam gegen Ende der Achtzigerjahre
zu laufenden Revolutionen recht, erlebte Glasnost und Perestrojka
ebenso wie die
blutige Revolution in Rumänien. Schon früh erfuhren die Studierenden im
Gespräch
mit dem jugoslawischen Religionsminister und dann mit dem Bischof in
Djakovo,
dass weder die Partei noch die Kirchen die Nationalitäten auf dem
Balkan
zusammenhalten würden: Was sich alsbald als Realität einstellen sollte.
Dieses universitäre Programm erwies sich nach der Wende für
die Studierenden nicht mehr als ausreichend attraktiv. Das Verbotene und
Geheime war nicht mehr eine treibende Kraft für eine Teilnahme. Doch hatte sich
in der kommunistischen Zeit durch die Reisen ein dichtes Netzwerk mit vielen wissenschaftlichen
Kollegen und menschlichen Freundschaften gebildet. Wir überlegten, was wir mit
diesem gewachsenen "Kapital" machen sollten. Der Beschluss reifte, zusammen mit
Kardinal König, einen Verein zur Förderung der Kirchen in Ost(Mittel)Europa zu
gründen. Der Kardinal selbst hatte bis zu seinem Tod den Ehrenschutz inne und
war bei jeder Vorstandssitzung anwesend.